Thomas Mann: Tonio Kröger

Hier gibt es einen Auszug aus der Novelle und eine Original-Lesung von Tonio Kröger durch den Autor.

Tonio Kröger ist eine Novelle von Thomas Mann. Diese Novelle ist im selben Jahr wie sein Tristan erschienen. In dieser Novelle stellte Mann die Künstler-Dillettanten seiner früheren Prosawerke zum ersten Mal eine Alternative gegenüberstellt.

Da wird ein beispielhafter Künstler dargestellt. Dieser Künstler, namens Tonio Kröger, kommt zwar aus der Dekadenz, befreit sich jedoch von ihr. Er wird von zwei "Welten" hin- und hergezerrt: die "Tonio"-Welt seiner Mutter und die "Kröger"-Welt seines Vaters. Die "Tonio"-Welt ist eine südländische Welt, in der der Künstler das Leben eines in den bürgerlichen Augen verantwortungslosen, verdächtigen, hochstplerischen Künstlertums führt. Die "Kröger"-Welt ist hingegen eine norddeutsche bürgerliche Welt. Der "verirrte Bürger" Tonio Kröger wird einerseits als ein naiv-erkenntnisloser Künstler "von den Ordentlichen und Gewöhnlichen" ausgeschlossen, andererseits arbeitet er mit der artistischen Leidenschaft, einem ästhetizistisch umgestülpten bürgerlichen Leistungsethos. Er arbeitet nicht wie jemand, der arbeitet, um ein bürgerliches Leben zu führen.

Das "normale" bürgerliche Leben ist für ihn nichts. Er will nichts als zu arbeiten, "weil er sich als lebendigen Menschen für nichts achtet, nur als Schaffender in Betracht zu kommen wünscht". Für ihn sind das "Künstler-sein" und "Mensch-seins" ein unvereinbarer Gegensatz. Zu der Malerin Lisaweta sagt er im vierten Kapitel: "Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt". Man kann nicht ein Künstler sein, und zugleich ein menschlisches Leben und Gefühl haben. Er leidet deshalb auch unheimlich sehr viel darunter. Als Künstler muß er unendlich das Mensche darstellen, doch er darf von diesem künstlertum aus nicht an dem Menschlichen teilnehmen. Oft ist er von diesem Gegensatz der Kunst und Leben "sterbensmüde". Er sehnte danach, eine Synthese zu finden. Schließlich überwidet er die lebensfeindliche Artistik. In seinem Brief an Lisaweta am Ende der Novelle kommt er zu einem neuen Künstlerideal, das Künstlertum mit der "Bürgerlieber zum Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen" vereint.

Für Tonio Kröger am Ende dieser Novelle ist eine solche Vereinigung von großer Bedeutung, weil nur so kann aus einem "Literaten", der die Kunst als Endzweck betrachtet, ein "Dichter" werden, der sowohl Künstler als auch Bürger ist. Tonio Kröger gelangt zum bürgerlichen Künstlertum.

Man kann ohne weiteres sagen, daß Tonio Kröger ein Versuch Thomas Manns ist, sich zu verständigen. Wie sein zweiter Romam Königliche Hoheit (1909) ist Tonio Kröger sein Experiment mit der Überwindung der Dekadenz.

 


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