Ernst Toller: Masse Mensch

Inhaltsangabe und Erläuterung

Ernst Tollers Masse Mensch wurde nach seinem Stück Die Verwandlung geschrieben. Masse Mensch wird als sein interessantestes Stück betrachtet. Dieses Stück entsteht aus Tollers persönlichen Erlebnis der verfehlten deutschen Revolution von 1918-1919.
Ernst Toller beschreibt in diesem Stück einen Konflikt zwischen der Masse und dem Mensch.

Ein Arbeiterkomitee hat sich beschlossen, einen Streik auszurufen, um den Krieg zu beenden und eine gerechte Gesellschaft in der Nachkreigszeit zu errichten. Die Masse will Mensch sein, indem sie sich durch die gewaltsame Revolution befreit. Dieser Idealismus beruht aber nicht auf der Vernunft, sondern auf der Verneinung der Menschlichkeit des Menschen und der anderen Menschen. Ohne Gewalt kann es keine Revolution geben und eine Revolution bedeutet nicht nur, die anderen zu töten, sondern auch, getötet zu werden.

Sojia Irene L. ist eine Leiter. Ihr Mann ist ein gutsituierter Bürger und ist gegen ihre Tätigkeiten. Er besucht sie im Komiteezimmer und versucht vergebens, sie zu überreden, von ihren Aktivitäten wegzugehen. In einer Arbeiterversammlung am nächsten Tag ruft sie einen Streik aus. Eine namenlose Person ist gegen ihren Vorschlag und behauptet, daß nur eine gewaltsame Revolution den ewigen Frieden und gerechte Gesellschaft geben kann.

 Wie Die Verwandlung wird dieses Stück in "reale Bilder" und "Traumbilder" eingeteilt, wenn die Grenze zwischen ihnen auch fließend ist. Die beiden Bilder werden in Gedichten geschrieben. Die Zeilen der Traumbilder sind kürzer. Die realen Bilder sind verhältnismäßig realistisch in der Handlung. Aber Toller versucht auch hier, die Handlung von der Wirklichkeit zu trennen. Der Einsatz der allegorischen Figur des Namenlosen ist ein Beispiel dafür.

Die Traumbilder stellen in einer pathetischen und grotesken Stimmung das unterbewußte Erlebnis der Heldin dar. Sonja in den realen Bildern wird in den Traumbildern von einem symbolischen Doppelgänger vertreten. Toller stellt dadurch Sonjas unterbewußten Versuch, die Rollen der Leute, die anders als sie sind, ihre Sympathie mit dem Leben dieser Leute und ihren Drang zum Wachsen und Verstehen.

Die erste Szene (reales Bild) beschreibt Sonja als einen sozialen Menschen und einen individuellen Menschen. Als ein individueller Mensch liebt sie ihren Mann sehr:

Du, mein Blut blüht dir...
Sieh, ich werde welkes Blatt ohne dich.
Du bist der Tau, der mich entfaltet.
Du bist der Sturm, dess märzne Kraft
Brandfackeln wirft in dürstehdes Geäder [...]
Ich glaube, ich werde schwach sein
Ohne dich...grenzenlos
Als sozialer Mensch verneint sie ihre eigene Menschlichkeit. 
Nicht Wunsch hat mein Geschick gewendet,
Not wars...Not aus Menschsein,
Not aus meiner tiefsten Fülle.
Not wendet, höre, Not wendet!
Nicht Laune, Spiel der Langeweile.
Not aus Menschsein wendet.
Sie wird ein Mensch für Masse. Ihr Enthusiasmus, die Not der Masse zu beenden, wendet sie. Sie ruft einen Streik aus, um den Krieg zu beenden und die Masse aus der Not zu retten. Doch sie wird von den Namenlosen zur Seite gezogen. Dieser sagt:
Ich rufe mehr als Streik!
Ich rufe: Kreig!
Ich rufe: Revolution!
Der Feind dort oben hört
Auf schöne Reden ncht.
Macht gegen Macht!
Gewalt...Gewalt!
Sonja aber ist noch nicht bereit, ihre Menschlichkeit wegzuwerfen. Sie sagt:

 "Ich will nicht neues Morden." Sie sieht ein, daß da ein Konflikt ist:

Masse ist ohnmächtig.
Masse ist schwach.
Sie kämpft noch dagegen aus ihrer Menschlichkeit: 
Gefühl zwängt mich in Dunkel,
Doch mein Gewissen schreit mir: Nein!
Sonja protestiert und schweigt dann unwillig. Die Revolution ist ausgebrochen. Ein feindlicher Häftling wird gefangengenommen und erschossen. Um die Stadt wird blutig gekämpft. Die Revolutionäre haben die Stadt aber verloren. Sojia wird verhaftet und ins Gefängnis eingeliefert. Die Revolution bedeutet die völlige Aufgabe der Menschlichkeit. Der Namenlose ist ein Symbol für die Masse oder den zwangsläufigen Prozeß der Revolution. Endlich gibt sie sich der Masse auf: 
Du...bist...Masse
Du...bist...Recht
In Bild 4 (Traumbild) wird die unmenschliche Situation grotesk dargestellt:

 Erste Wache singt:

Meine Mutter
Hat mich
Im Graben geboren.
Lalala, la,
Hm, Hm,
Zweite Wache: 
Mein Vater
Hat mich
Im Rausch verloren.
Alle Wachen: 
Lalala, la,
Hm, Hm.
In einem späteren Dialog zwischen dem Namenlosen und Sonja wird die Verwerfung der Gewalt ganz deutlich: 
Höre, kein Mensch dar Menschen töten
Um eine Sache willen.
Unheilig jede Sache, dies verlangt.
Wer Menschenblut um seinetwillen fordert,
Ist Moloch:
Gott war Moloch.
Staat war Moloch.
Masse war Moloch.
Der vielbehauptete wesentliche Unterschied zwischen einem revolutionären Krieg und einem kapitalistischen Kreig wird auch verneint:
Ihr mordet für die Menschheit,
Wie sie, Verblendete, für ihren Staat gemordet.
Und einige glaubten gar
Durch ihren Staat, ihr Vaterland,
Die Erde zu erlösen.
Ich sehe keine Unterscheidung.
Dadurch wird der Konflikt zwischen dem sozialen Menschen (Masse) und dem individuellen Menschen deutlich. Sonja verweigert den Versöhnungsversuch ihres Mannes und das Angebot der namenlosen Person, eine Wache zu töten und sie aus dem Gefängnis herauszuholen. Obwohl sie weiß, daß die revolutionäre Sache sie braucht, will sie nicht ihr eigenes Leben durch Wegnahme eines anderen Lebens retten. Sie wird schließlich von einem Exekutionskommando hingerichtet.

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