Der
Expressionismus hat vielerei Ahnen, gemäß dem Großen
und Totalen, das seiner Idee zugrunde liegt, in aller
Welt, in aller Zeit.
Was die Menschen heute an ihm sehen, ist fast nur das
Gesicht, das, was erregt, das, was epatiert [verblüfft,
erstaunt]. Man sieht nicht das Blut. Programme, leicht
zu postulieren, nie auszufüllen mit Kraft, verwirren
das Hirn, als ob je eine Kunst anders aufgefahren sei
als der Notwendigkeit der Zeugung. Mode, Geschäft,
Sucht, Erfolg umkreisen das erste Verhöhnte.
Als Propagatoren
stehen die da, die in dumpfem Drang des schaffenden
Triebes zuerst Neues schufen. Als ich vor drei Jahren,
wenig bekümmert um künsterische Dinge, mein erstes
Buch schrieb [Die sechs Mündungen, 1915],
las ich erstaunt, hier seien erstmals
expressionistische Novellen. Wort und Sinn waren mir damals'
neu und taub. Aber nur die Unproduktiven eilen mit
Theorie der Sache voraus. Eintreten für sein Ding ist eine
Kühn ]heit und eine Sache voll Anstand. Sich für das
Einzige erklären, Frage des bornierten Hirns.
Eitel ist dies ganze äußere Kämpfen um den Stil,
um die Seele des Bürgers. Am Ende entscheidet
lediglich die gerechte und gut gerichtete Kraft.
Es kamen die Künstler der neuen Bewegung. Sie gaben
nicht mehr die leichte Erregung. Sie gaben nicht
mehr die nackte Tatsache. Ihen was der Moment, die
Sekunde der impressionistischen Schöpfung nur ein
taubes Korn in der mahlenden Zeit. Sie waren nicht
mehr unterworfen den Ideen, Nöten und persönlichen
Tragödien bürgerlichen und kapitalistischen Denkens.
Ihen entfaltete das Gefühl sich maßlos.
Sie sahen nicht.
Sie schten.
Sie photographierten nicht.
Sie hatten Gesichte.
Statt der Rakete schufen sie die dauernde Erregung.
Statt dem Moment die Wirkung in die Zeit. Sie wiesen
nicht die glänzende Parade eines Zirkus, Sie willten
das Erlebnis, das anhält.
Vor allem gab es gegen das Atomische, Verstückte
der Impressionisten nun ein großes, umspannendes
Weltgefühl.
In ihm stand die Erde, das Dasein als eine große Vision.
Es gab Gefühle darin und Menschen. Sie sollten erfaßt
werden im Kern und im Ursprünglichen.
Die große Musik eines Dichters sind seine Menschen.
Sie werden ihm nur groß, wenn ihre Umgebung groß ist.
Nicht das heroische Format, das führte nur zum
Dekorativen, nein, groß in dem Sinne, daß ihr
Dasein, ihr Erleben teil hat an dem großen Dasein
des Himmels und des Bodens, daß ihr Herz,
verschwistert allem Geschehenm schlägt im gleichen
Rhythmus wie die Welt.
Dafür bedurfte es einer tatsächlich neuen
Gestaltung der künstlerischen Welt. Ein neues
Weltbild mußte geschaffen werdenm das nicht mehr
teil hatte an jenem nur erfahrungsgemäß zu
erfassenden der Naturalisten, nicht mehr teil hatte an
jenesm zerstückelten Raum, den die Impression gab, das
vielmehr einfach sein mußte, eigentlich,
und darum schön.
Die Erde ist eine riesige Landschaft, die Gott uns gab.
Es muß nach ihr so gesehen werden, daß sie unverbildet
zu uns kommt. Niemand zweifelt, daß das Echte nicht
sein kann, was uns als äußere Realität erscheint.
Die Realität muß von uns geschaffen werden. Der Sinn des
Gegenstands muß erwühlt sein. Begnügt darf sich nicht
werden mit der geglaubten, gewähnten,ntierten Tatsache,
es muß das Bild der Welt rein und unverälscht gespiegelt
werden. Das aber ist nur in uns selbst.
So wird der gaze Raum des expressionistischen Künstlers
Vision. Er sieht nicht, er schaut. Er schildert nicht,
er erlebt. Er gibt nicht wieder, er gestaltet. Er nimmt
nicht, er sucht. Nun gibt es nicht mehr die Kette der
Tatsachen:
Häuser, Krankheit, Huren, Geschrei und Hunger. Nun gibt
es ihre Vision.
Die Tatsachen haben Bedeutung nur so weit, als, durch
sie hindurchgreifend,
die Hand des Künstlers nach dem faßt, was hinter ihnen
steht.
Er sieht das enschliche inden Huren, das Göttliche in
den Fabeiken. Er wirkt die einzelne Erscheinung in das Große
ein, das die Welt ausmacht.
Er gibt das tiefere Bild des Gegenstands, die Landschaft
seiner Kunst ist die große paradiesusche, die Gott ursprünglich
schuf, die herrlicher ist, bunter und unendlicher als jene, die
unsere Blicke nur un empirischer Blindheit wahrzunehmen
vermögen, die zuschildern kein Reiz wäre, in der das Tiefe, Eigentliche
und im Geiste Wunderbare zu suchen aber sekündlich voll von
neuen Reizen und Offenbarungen wird.
Alles bekommt Beziehung zur Ewigkeit.
Der Kranke ist nicht nur der Krüppel, der leidet. Er wird
die Krankheitselbst, das Leid der ganzen Kreatur scheint aus seinem Leib
und bringt das Mitleid herab von dem Schöpfer.
Ein Haus ist nicht mehr Gegenstand, nicht mehr nur
Stein, nur
Anblick, nur ein Viereck mit Attributen des Schön-
oder Häßlichseins.
Es steigt darüber hinaus. Es wird so lange gesucht
in seinem eigentichsten
Wesen, bis seine tiefere Form sich ergibt,
bis das Haus aufsteht, das befreit
ist von dem dumpfen Zwang der falschen Wirklichkeit,
das bis zum letzten Winkel gesondert ist und gesiebt
auf den Ausdruck, der auch auf Kosten seiner
Ähnlichkeit den letzten Charakter herausbringt,
bis es schwebt oder einstürzt, sich reckt oder gefeiert,
bis endlich alles erfüllt ist, das an Möglichkeiten in ihm
schläft.
Eine Hure ist nicht mehr ein Gegenstand, behängt und bemalt
mit den Dekorationen ihres Handwerks. Sie wird ohne Parfüme,
ohne Farben, ohne Tasche, ohne weigende Schenkel erscheinen.
Aber ihr eigentliches Wesen muß aus ihr herauskommen, daß in
der Einfachheit der Form doch alles gesprengt wird von den '
Lastern, der Liebe, der Gemeinheit und der Tragödie, die
ihr Herz und ihr Handwerk ausmachen. Denn die Wirklichkeit
ihres menschlichen Darseins ist ohne Belang. Ihr Hut, ihr Gang, ihre
Lippe sind Surrogate. Ihr eigentliches Wesen ist damit nicht erschöpft.
Die Welt ist da. Es wäre sinnlos, sie zu wiederholen.
Eie ist im letzten Zucken, im eigentlichen Kern aufzusuchen und
neu zu schaffen, das ist die größte Aufgabe der Kunst.
Jeder Mensch ist nicht mehr Individum, gebunden an Pflicht, Moral, Gesellschaft, Familie.
Er wird in dieser Kunst nichts als das Erhebendste und Kläglichste: er wird Mensch.
Hier leigt das Neue und Unerhörte gegen die Epochen vorher.
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